Internationale Lichterprozession

Ab halb neun abends drängen sich Pilger aus dem Stadtteil, in dem der Heilige Bezirk liegt, auf der engen Brücke "Pont Viex" über den Fluß "Gave de Pau". Unterwegs verteilt oder kauft man die für Lourdes typischen Kerzen, weiß spitz zulaufend und mit blauem Fuß. Die Kerzen sind mit einem papiernen Tropfschutz versehen. Darauf gedruckt Mariengebete. Es geht zum Place Capdevielle, wo die Internationale Lichterprozession beginnen soll. Auf dem großen Platz sind bereits Soldatinnen und Soldaten nationenweise in ihren schicken Ausgeh-Uniformen ("summa cum pompa") angetreten. Eine Statue der Muttergottes von Lourdes steht unter einem tragbaren Baldachin bereit. Sie ist ganz in Weiß, mit eben solchem Schleier und trägt lediglich eine blaue Schärpe, in der Farbe, die auch auf die Füße der Lourdes-Kerzen "übergesprungen" ist. Gestalt und Farben sind den Schilderungen der hl. Benadette nachempfunden.

Der französische Militärbischof Le Gal leitet oberhalb des Platzes an einer Ballustrade stehend die Lichterprozession ein: "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes". Militärs aus verschiedenen Ländern treten nacheinander ans Mikrofon und tragen Fürbitten zur Lichterprozession vor. Danach tritt der Bischof auf die Fackelträger in prächtiger Paradeuniform zu und entzündet die Fackeln. Die Zeremonie erinnert an die Feier der hl. Osterliturgie, zumal auch das "Lumen Christi", oft übersetzt als "Christus das Licht", feierlich intoniert wird. Nun wird das Feuer der Fackeln an die Fackelträger neben der Madonna und die ungeduldig wartenden Pilger verteilt. Unter dem Baldachin flammt Licht auf und die Prozession setzt sich mühsam in Bewegung, denn die vielen Menschen auf dem Platz müssen in den Zug einfließen, der die engen Straßen entlang bergab ins Tal des Gave zum Heiligen Bezirk führt.

Unterwegs wird der hl. Rosenkranz gebetet, lateinisch vorgebetet und von den Pilgern meist in ihrer Landessprache vollendet. So hat auch der Engel einst Maria begrüßt: "AVE, gegrüßt seist Du, Maria, Du bist voll der Gnade, der Herr ist mit Dir...". Zwischendurch wird immer wieder das Lourdes-Lied vielsprachig gesungen: "Wir kommen zur Mutter aus Ferne und Nacht, zu finden das Licht, das der Welt sie gebracht." Beim folgenden "AVE, Ave, Ave Maria!" erheben die Pilger jedesmal zum Gruß ihre Fackeln und Kerzen.

In Straßen und Gassen, aus Fenstern und auf Balkonen verfolgen die Einheimischen den frommen Zug. Über der Stadt tront hell erleuchtet die alte Festung, während sich die vielgliedrige Lichterkette langsam in den Heiligen Bezirk schiebt, um den Platz zwischen gekrönter Muttergottes-Statue und Basilika zu füllen. An der Basilika ist eine Bildwand aufgestellt, um weit entfernt stehenden Pilgern auch die Ankunft der getragenen Muttergottes zu zeigen... Zwischendurch hört und sieht man auf diese Weise einen Chor, der auf Russisch singt: "Gospodin pomilui", "Herr, erbarme Dich".

Während viele Pilger noch weiter mitbeten, beginnt sich die Menge langsam auf zu lösen und auf die Straße zu strömen. Die Kerzen erlöschen, es empfängt uns wieder das immer noch "verkaufsoffene" Lourdes. Manche Kellner tragen eifrig weitere Stühle zu den Tischchen an den Straßen und eine Militärband bietet vor einer Gaststätte für Bierspenden abwechselnd Jazz, Walzer und Marsch. "Das ultimative Kontrastprogramm" zum etwas eintönigen Prozessionsgesang? Nein, eigentlich nicht. Jetzt intonieren sie grade: "O when the Saint go marchin' in", "Herr, lass mich dabei sein, wenn die Heiligen einmarschieren".

Auch "Rosamunde" wird verschiedentlich dankbar mitgesunden, während einzelne fröhliche Pilger mitten auf der Straße zur Musik tanzen, andere klatschen dazu, wieder andere beobachten das Ganze schmunzelnd bei einem Bier. Es ist bereits Mitternacht. Ein Polizeifahrzeug versucht sich durch die überfüllte Straße zu schieben: Unmöglich, man muss warten, bis "Rosamunde" endet. Zeit zum Schlafengehen. Es ist bereits Sonntag.


Text und Fotos: gcjm

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