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Wie viel Krieg verträgt Deutschland?

Versuchen wir’s mit Tucholsky

Dr. Jochen Bittner, Europa- und NATOKorrespondent der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ in Brüssel
Foto: © DIE ZEIT
Sie lassen Bomben auf Tanklaster werfen. Sie rollen mit Panzern durchs Gelände. Sie haben eine Offensive gestartet. Sie werden Opfer von Schusswechseln, und sie erschießen selbst. Ist es nun ein Krieg, den die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan führen? Die Antwort darauf hängt, auch nach dem verheerenden Luftangriff in der Nähe des Feldlagers Kunduz, von der Definition dessen ab, was die Deutschen unter Krieg verstehen wollen.

Andere NATO-Soldaten, Amerikaner, Niederländer, Briten, Tschechen, Polen, Rumänen oder Balten, die im Süden und Osten des Landes stationiert sind, schlagen immer wieder regelrechte Schlachten gegen Taliban-Verbände. Zwar betreibt die NATO keinen Body Count. Doch im Süden des Landes haben nach inoffiziellen Angaben ISAF-Truppen allein im vergangenen Jahr etwa 20.000 Aufständische getötet – oder solche, die sie dafür hielten.

Wie der verteidigungspolitische Sprecher der Grünen, Winfried Nachtwei, kürzlich bei einem ISAF-Besuch notiert hat, konzentrieren sich die Angriffe auf die Schutztruppen in der Provinz Helmand (durchschnittlich 10,6 Angriffe pro Tag zwischen Oktober 2008 und Mai 2009), Kandahar (4,6 Angriffe pro Tag) und Kunar (4 Angriffe pro Tag). Die Regionen, in denen die Deutschen stationiert sind, bilden statistisch noch immer die ruhigsten. In Kunduz gab es 0,7, in Kabul 0,6, in Badakhschan weniger als 0,1 Angriffe pro Tag.

Doch es sind weder die Krieger anderer Nationen noch Statistiken, die definieren, was in Deutschland als Krieg gilt, sondern die Bevölkerung. „Das Volk”, hat Kurt Tucholsky einmal gesagt, „versteht das meiste falsch, aber es fühlt das meiste richtig.“

Über Afghanistan denkt das Volk, die Bundeswehr sei dort, um den Einheimischen einen westlichen Lebensstil aufzuzwingen. Das ist falsch, weil die Afghanen wollen, dass die NATO-Truppen ihnen Schutz, Sicherheit und eigene Entwicklungsmöglichkeiten bieten. 90 Prozent der Afghanen, sagen Umfragen, wollen die Schreckensherrschaft der Taliban nicht zurück.

Was aber fühlt das Volk, wir Deutschen, über den Afghanistan-Einsatz?

Es fühlt zunächst einmal, dass die alte Rechtfertigung, wonach Deutschlands Sicherheit am Hindukusch verteidigt werde, zumindest gründlich perforiert ist. Denn erstens hat es in Deutschland bereits Attentatsplanungen gegeben, die rein gar nichts mit Afghanistan zu tun hatten (etwa die „Kofferbomber“ von Kiel, die aus dem Libanon stammten und sich spontan zu ihren Taten entschlossen), sind Deutsche in Bombenexplosionen gestorben, deren Drahtzieher aus Afrika oder Asien kamen (Dscherba, Bali) und ist selbst der 11. September 2001 nicht maßgeblich in Afghanistan vorbereitet worden. Ja, die Drahtzieher und Financiers wie Osama bin Laden oder Chalid Scheich Mohammed, saßen in Berghöhlen am Hindukusch. Aber die Planung der Attentate geschah in einer Mietwohnung in Hamburg-Harburg, und ihre Flugausbildung absolvierten die Selbstmordpiloten in den Vereinigten Staaten.

Sicher, al-Qaida als quasi-militärische Organisation mag zerstört werden. Aber zweitens hat sich die Haupt-Trainingsdrehscheibe für Wander-Dschihadisten längst nach Pakistan verlagert. Das Funktionsprinzip von al-Qaida ist mit dem des Internet vergleichbar: Wird hier ein Server lahmgelegt, übernimmt dort ein anderer das Geschäft.

In einer Bundestagsdebatte nach dem Luftangriff von Kunduz machte die Kanzlerin klar, dass Deutschland Afghanistan stabilisiert, damit dort Frauen nicht gesteinigt und Mädchen nicht erschossen werden, nur weil sie zur Schule gehen möchten. Und in dem nicht mehr 90 Prozent des Opiums für den weltweiten Heroinhandel produziert werden. Warum kommt eine solche engagierte Rede erst jetzt? Vielleicht weil die Bundesregierung Angst vor der mangelnden Courage der Bevölkerung hat? Oder vor einem Nachbohren in der Frage, was genau all diese Anstrengungen mit der Sicherheit Deutschlands zu tun haben? Reicht eine Rechtfertigung, die ohne al-Qaida-Bezug auskommt, aus, um die Deutschen bei der Stange zu halten?

Wohl nicht. Denn wenn die Sicherheit Deutschlands nicht gefährdet ist, so fühlt das Volk, warum sollen dann deutsche Soldaten dort sterben? Andere Völker mögen ja anders fühlen. Amerikaner zum Beispiel, die es schlicht als heldenhaft erachten, für die Durchsetzung von Menschenrechten in den Gebirgen Mittelasiens zu fallen. Wir, als postheroische Gesellschaft, tun das nicht. Die Bundeswehr kennt keine Helden, sie kennt nur Opfer. An dieser ethischen Grundierung Nachkriegsdeutschlands ändern auch Ehrenmale, Tapferkeitsorden und öffentliche Gelöbnisse nichts.

Das fehlende Faible fürs Heldentum hat auch damit zu tun, dass es den Deutschen im vergangenen halben Jahrhundert gelungen ist, tatsächlich eine Armee von Staatsbürgern in Uniform heranzuziehen. Deutschland verfügt über keine Kriegerkaste wie die Angelsachsen, also über keinen Berufsstand, der ebenso akzeptiert und geachtet wäre dafür, dass seine Mitglieder auf Geheiß der Regierung ihr Leben opfern.
Die Deutschen verfügen schlicht über eine niedrigere, nennen wir es einmal: Kriegstoleranz als andere Völker. Laut einer Umfrage des German Marshall Fund glauben nur 25 Prozent der Deutschen, dass es Umstände geben könnte, unter denen ein Krieg gerechtfertigt sei. In Amerika glauben es 74 Prozent.

Man könnte diese Zahlen zu einer gewagten Formel zusammenfassen: Wir Deutschen lehnen einen Krieg doppelt so schnell ab wie andere Nationen. Beim Afghanistan-Einsatz geht es letztlich um keine andere Frage als darum, ob sich diese Sensibilität ändern lässt, bevor der politische Druck die Soldaten nach Hause zwingt. Die Kanzlerin hat einen vorsichtigen Versuch in diese Richtung unternommen. Vermutlich kommt er zu spät.¶